Mehr Geld als Ideen: Rocket hat hohe Erwartungen nie erfüllt

Mehr Geld als Ideen: Rocket hat hohe Erwartungen nie erfüllt

Angetreten ist Rocket Internet, um möglichst viele Gründungen mit innovativen Ideen zum Erfolg zu führen. Doch das Geschäftsmodell der Kaderschmiede ist in die Jahre gekommen. Der Inkubator verabschiedet sich von der Börse. Gründer Samwer muss das Unternehmen dringend neu ausrichten.

Der Rückzug vom Börsenparkett ist beschlossene Sache. Sechs Jahre nach dem Marktdebüt machen Rocket Internet, die sich als Startup-Schmiede und Kapitalgeber von jungen Unternehmen wie Hellofresh, Delivery Hero, Zalando oder Westwing einen Namen gemacht haben, eine Rolle rückwärts. Überraschend kommt das Delisting nicht. Denn die hohen Erwartungen, die 2014 mit dem größten Börsengang einer Internetfirma in Europa seit 2000 verbunden waren, konnte Rocket nie wirklich erfüllen. Zwar hat das Unternehmen fast alle Gründungen aus den ersten Jahren erfolgreich an die Börse gebracht, irgendwann wurden schlagzeilenträchtige Investments allerdings zur Mangelware.

Rocket Internet 18,88

Auf einer Hauptversammlung im vergangenen Jahr sagte Firmengründer Oliver Samwer: „Unser Modell hat so gut funktioniert, dass wir im Augenblick mehr Kapital als Ideen haben“. Dem einstigen Wunderkind des deutschen Internets drohte, die Grundlage seines Geschäftsmodells zu verpuffen. Denn eigentlich gründete Samwer gemeinsam mit seinen zwei Brüdern 2007 das Unternehmen mit dem Ziel, möglichst viele erfolgreiche Gründungen mit innovativen Ideen hochzuziehen. Doch der ursprüngliche Ansatz, schnell wachsende E-Commerce-Modelle aus den USA zu kopieren, ist inzwischen überholt.

„Die Entwicklung bei Rocket zeigt: In Deutschland mangelt es nicht an Geld und Investitionskapital – es mangelt an Talent und guten Ideen. Ohne zündende Idee nützt auch das Geld des Kapitalmarktes nicht – und das spürt Rocket“, sagt der Geschäftsführer der Founders Foundation, Sebastian Borek, ntv.de. Neue Ideen entstehen inzwischen in anderen Bereichen wie etwa der Industrie 4.0 oder Künstlicher Intelligenz. Zuletzt stieß die einstige deutsche Tech-Hoffnung deswegen in neue Geschäftsfeld vor und investierte immer weniger Geld in Startups, dafür aber beispielsweise in Online-Wetten, Reisen, Finanzen und Immobilien.

„Schritt zurück in die Garage ist nur konsequent“

Auch der Wettbewerb unter den Risikokapitalgebern ist gewachsen. Rocket sind längst nicht mehr die einzigen, die ihr Geld großzügig verteilen wollen. Auch Konkurrenten wie eVentures, Project A und Holzbrinck Ventures wollen junge vielversprechende Unternehmen mit Investitionen an sich binden. Nicht zuletzt gingen aus der Kaderschmiede Rocket selbst laut Borek viele erfolgreiche Unternehmen und Venture Capitalists hervor, die jetzt im Wettbewerb mit dem Startup-Inkubator stehen. „Man könnte daher sagen: Rocket hat sich die Konkurrenz ein Stück weit selber gezüchtet“, sagt Borek.

Die Annahme, dass sich die Transparenzpflicht an der Börse nicht mit der Startup-DNA vertrage, greift laut Borek zu kurz. Schließlich würden Trivago oder Scout24, aber auch Rocket Firmen wie Zalando und Hello Fresh zeigen, wie es funktionieren kann. „Für mich kommt im Fall Rocket viel mehr als die Startup-DNA, die Unternehmer-DNA zu tragen, die Oliver Samwer ausmacht.“ In der Entscheidung für das Delisting liege der Anspruch begründet, sein Unternehmen abseits der Berichtspflichten wieder unter seine Fittiche zu nehmen. „Es ist kein Geheimnis, dass das Geschäftsmodell von Rocket in die Jahre gekommen ist. Der Schritt zurück in die Garage um sich neu auszurichten ist, auch wenn der Preis hoch ist, konsequent“, sagt Borek.

Rocket verspreche sich von dem Delisting geringere Kosten und ein höheres Maß an unternehmerischer Freiheit, um das Potenzial des Unternehmens und seiner Ressourcen ausschöpfen zu können, begründete Chef Samwer den Schritt. In einer Mitteilung heißt es dazu: „Außerhalb der Börse wird es der Gesellschaft möglich, sich unabhängig von temporären Umständen, auf denen der Fokus des Kapitalmarkts liegt, besser auf eine langfristige Entwicklung zu konzentrieren.“

Beschluss dürfte nur Formalie sein

Konkret bietet Rocket nun seinen Aktionären den Rückkauf ihrer Wertpapiere zum gesetzlichen Mindestkurs an, der nach Berechnungen des Berliner Unternehmens bei 18,57 Euro je Aktie liegt. Parallel kündigte das Unternehmen ein Aktienrückkaufprogramm zum Erwerb von 8,84 Prozent der Aktien an, das bis zum 15. September laufen soll. Auch hier bietet Rocket 18,57 Euro an und damit weniger als der Schlusskurs vom Montag von 18,95. Die Finanzierung des Delistings dürfte für Rocket kein Problem sein: Die Marktkapitalisierung des Investors beträgt derzeit etwa 2,6 Milliarden Euro und liegt damit nur leicht über dem Kassenbestand von 1,9 Milliarden Euro Ende April. Die Aktien notierten am Dienstag 0,7 Prozent schwächer bei 18,81 Euro.

Oliver Samwer sowie die zu Rocket gehörende Global Founders GmbH, die zusammen knapp 50 Prozent der Rocket-Anteile besitzen, wollen an ihren Aktien festhalten, wie das Unternehmen mitteilte. Den Weg für den Abschied vom Börsenparkett soll eine außerordentliche Hauptversammlung am 24. September freimachen. Da eine einfache Mehrheit hierfür genügt, dürfte der Beschluss dank der Stimmen von Samwer und der Global Founders GmbH eine Formalie sein.

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