Nobelpreisträger über Corona: „Krise zeigt, wie zerbrechlich Wohlstand ist“

Nobelpreisträger über Corona: "Krise zeigt, wie zerbrechlich Wohlstand ist"


Die Armutsforscher Esther Duflo und Abhijit Banerjee prangern die Lähmung im „wirtschaftlichen Denken“ an, die die Folgen der Pandemie noch verschlimmere. Reiche Länder sollten arme mit einem „Marshallplan“ unterstützen, fordern die Nobelpreisträger von 2019. Geld sei „kein Problem“.

Die Corona-Pandemie ist ein Rückschlag für den Kampf gegen die Armut. Zum ersten Mal in 20 Jahren wird sie weltweite wieder steigen. 150 Millionen Menschen könnte das Virus in extreme Armut stürzen, schätzt die Weltbank. „Im Moment ist es eine Katastrophe. Zwei Dinge passieren gleichzeitig: Die Wirtschaft ist gelähmt. Und das wirtschaftliche Denken ist in gewisser Weise gelähmt. Und das verstärkt sich gegenseitig“, sagt Wirtschaftsnobelpreisträger Abhijit Banerjee in der weiteren Folge des Podcasts „Die Stunde Null“.

Die Wirtschaftsnobelpreisträger von 2019: Esther Duflo und Abhijit bieten Lösungen in der Pandemie an.

(Foto: via REUTERS)

Viele arme Länder haben, wenn man den Zahlen Glauben schenkt, zwar weniger Infektionen als wohlhabendere Länder. Doch: „Die armen Länder sind in einer schwächeren Position als die reichen Länder“, sagt Esther Duflo, die zusammen mit ihrem Mann Banerjee im vergangenen Jahr den Wirtschaftsnobelpreis für ihre Forschung gegen die Armut gewann.

Die Länder seien nicht in der „Position, das zu tun, was Europa und die USA getan haben“, die ihre Staatsausgaben massiv ausweiteten, um ihre Bevölkerung zu unterstützen. Die Armutsforscher haben daher schon zu Beginn der Krise einen „Marshall-Plan“ für die ärmsten Länder vorgeschlagen.

Es gehe vor allem um Schutzausrüstung und Finanzhilfen. „Einige Länder haben nur zwei oder drei Beatmungsgeräte im ganzen Land“, sagt Duflo. Das Problem sei nicht das Geld. Duflo bezeichnet die Unterstützung als finanziell „leicht verkraftbar“ für reiche Länder. Nur: „Die reichen Länder waren völlig eingenommen von ihren eigenen Problemen“, sagt sie.

Die Wissenschaftler sehen gleichzeitig „keine Wunderwaffe“ im Kampf gegen die Armut. Man müsse das Problem genau kennen, bevor man es bekämpft. So sei es auch bei der Bekämpfung der Pandemie. Die Menschen würden „am liebsten einen Zauberstab schwingen und ins Jahr 2019 zurückkehren“, sagt Duflo. Sie warteten daher auf einen Impfstoff. Dabei solle man beachten, dass es schon viele kleine Verbesserungen im Umgang und bei der Behandlung der Krankheit gebe.

 

Die Armutsforscher können der Corona-Krise auch etwas Positives abgewinnen. „Ich hoffe wirklich, das macht uns Menschen klar, dass wir ein gemeinsames Leben auf einem sehr fragilen Planeten führen“, sagt Banerjee. „Die menschliche Psyche leidet unter kognitiven Verzerrungen, was die Zukunft betrifft. Solange Dinge funktionieren, kann man sich nicht vorstellen, dass sie eines Tages nicht mehr funktionieren.“

Die Pandemie zeige, „wie zerbrechlich unser Wohlstand ist“. Und sie mache den Menschen bewusst, „dass […] eine Krise, die von Wissenschaftlern vorhergesagt wird, auch eintreten wird“, sagt Duflo und ergänzt: „Ich glaube, das könnte die Aufmerksamkeit, die Menschen den Warnungen über den Klimawandel schenken, wirklich verändern.“

Hören Sie in der neuen Folge von „Die Stunde Null“,

  •     was die Corona-Krise für die ärmsten Länder der Welt bedeutet,
  •     warum es keine einfachen Lösungen gibt, weder im Kampf gegen die Armut noch gegen die Corona-Pandemie und
  •     was man aus der Krise für die Zukunft lernen kann.

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